Ein Jahr JWD - Dar es Salaam

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Geschichten eines laufenden Geldautomaten
Aktualisiert: vor 12 Stunden 46 Minuten

Und hier…

Do, 07/15/2010 - 20:38

… die versprochenen Bilder. Diesmal wieder als PDF-Galerien. Und zwar zu drei verschiedenen Themen:

1. Die Safari im Ruaha-Nationalpark

2. Iringa, Mbeya, Kyela

3. Mwanza, Bukoba, Ruanda

Natürlich gibts die auch rechts unter „Links“ wieder zu sehen.

Viel Spaß damit.


Kategorien: Afrika

Neues aus Tollywood

Do, 07/15/2010 - 19:45

Achtung: Es folgt eine kurze, nicht vorurteilsbereinigte Satire über Eindrücke von tansanischen Filmen. Ich gebe – im Hinblick auf meine kulturkorrekten Leser – keine Garantie, dass es nicht manchmal fies, gemein und furchtbar wird.


Letztens habe ich irgendwo einen Artikel über die nigerianische Filmindustrie (oder auch: Nollywood) gelesen. Da fiel mir ein, dass ich ja mal den Versuch starten könnte, euch das Wesen eines typischen tansanischen Films näher zu bringen – erklären kann ich es nicht, da es mir selbst noch immer unverständlich ist.

Tansanische Filme gibt es hier überall zu kaufen. Die DVDs sind recht billig zu haben und werden von Tansaniern immer gerne gekauft und angeschaut. Besonders gerne in Überlandbussen und beim Essen, also da, wo man sich den Filmen kaum entziehen kann.

Zunächst muss man sich natürlich fragen, worum es in tansanischen Filmen eigentlich geht. Das mag jetzt verwunderlich erscheinen, denn in europäischen und amerikanischen Filmen ist die Themenspanne ja so breit, dass eine Aufzählung viel zu ausladend würde, als dass hier Platz für sie wäre. Bei tansanischen Filmen können solche Befürchtungen gar nicht aufkommen, da sich die hiesige Industrie auf zwei Themen beschränkt: Liebe und Magie.
Für diese Beschränkung auf zwei Themen sollte man eine Menge Respekt aufbringen. Wer von uns könnte schon 700 Filme pro Jahr zu gerade mal zwei Themen produzieren und damit am Ende auch noch Gewinn machen?

Die Handlung der Filme gleicht sich mehr oder weniger. Entweder geht es um zwei Frauen, die sich um einen Mann streiten – der natürlich beide überschwänglich liebt. Dabei ist die Familie eines der beiden Liebenden grundsätzlich gegen die Verbindung, was in endlosen Tränen, hysterischem Gekreische und dramatischen Auseinandersetzungen resultiert. Eine weitere Möglichkeit ist dann noch, dass die Frau in einer Ehe plötzlich herausfindet, dass ihr Mann magische Fähigkeiten hat. Der verschwindet dann schon mal von einer Seite des Bettes und erscheint auf der anderen wieder. Wow! Natürlich hat er nur dann zu solchen Spielchen Zeit, wenn er nicht gerade mit seinen (ebenfalls magierenden) Freunden Ziegen erlegt und Blutriten abhält.
Ach ja, es gibt noch einen weiteren Typ Handlung. Bei 700 Filmen im Jahr musste ja irgendwann jemand auf die Idee kommen, Magie und Liebe in einem Film zu verbinden. Ich möchte darauf jetzt nicht näher eingehen, denn schliesslich ist es ja bitterernst, wenn sich die arme Frau gegen ihren magierenden Mann durchsetzen muss, ohne ihren Lover zu gefährden.

Nun zur Produktion. Wie entsteht ein tansanischer Film? Man nehme: Eine Kamera, einen „Regisseur“, zwei bis drei auf der Straße aufgelesene Schauspieler. Das ganze dauert maximal einen Tag und kostet etwa 2000 Dollar. Als Location (und dazu gleich noch mehr) bietet sich das Haus des Regisseurs und die Nachbarschaft desselben an. Nach dem Dreh wird ein weiterer Tag darauf verwandt, das Ganze mit Musik zu hinterlegen. Das hilft vor allem, die Abwesenheit von Filmschnitten zu kaschieren – ohne Musik wäre es dann doch zu langweilig, ein Auto beim Herauffahren einer zwei Kilometer langen Auffahrt zuzusehen, mit Musik wird das eine bombastische Szene! – und vor allem von der kollektiven Unfähigkeit der Schauspieler abzulenken. Jede wichtige oder unanständige Aktion (etwa ein Schlag) wird zum Beispiel mit einem elektronisch produzierten Tusch untermalt – aus dem einfachen Grund, das man sie sonst nie im Leben als eine solche erkennen könnte. Vielleicht geht es auch darum, den Zuschauer aufzuwecken, denn bei minutenlangen Dialogen über nichtige Themen schlafen auch Tansanier mal ein.
Und hier folgt ein typisch tansanischer Abspann:

Sie sahen: Die Frau meiner Träume

Eine Produktion von: Kanumba Best Films Tanzania Limited

Mit

S. Kanumba
M. Kanumba
Z. Zakana
B. Zakana

Schnitt: B. Zakana
Musik: M. Kanumba
Produktion: S. Kanumba
Kamera: S. Kanumba
Regie: S. Kanumba und Z. Zakana

Die Charaktere in solchen Filmen sind ebenfalls immer gleich. Der höchstens dreißigjährige Mann ist stets erfolgreicher Businessman mit mindestens drei Sekretärinnen (Eifersucht!!!), immer im Anzug und sozial respektiert. Er fährt einen Mercedes und wohnt in einem riesigen Haus mit jedem nur erdenklichen elektronischen Gerät, Fliesen auf dem Boden, pinken Ledermöbeln und zwei Stockwerken. Seine Frau ist höchstens zwanzig, bringt die Make-up-Industrie durch jede Krise und spielt den ganzen Tag mit ihrem Handy. Für sie gibt es nichts wichtigeres als ihr Aussehen, ihre Klamotten und ihren Mann. Ihr Tonfall ist im besten Falle keifend, im schlimmsten unverständlich.

Nun aber genug beschrieben. Es wird Zeit, dass wir zum eigentlichen Kern der Sache vorstoßen. Und der ist: Tansanier verschlingen diese Filme, die in Europa nicht mal als solche erkannt würden, als handele es sich um ihre eigene Lebensgeschichte. Sie finden einen Film spannender als den anderen und können sich vor Begeisterung kaum zurückhalten.
Der Haken dabei ist, dass tansanische Filme nicht in Tansania spielen. Die Lebensweise und Lebensumgebung, die in den Filmen gezeigt wird hat nichts damit zu tun, wie ein normaler Tansanier lebt. Die Filme zeigen, wie alle Tansanier gerne sein wollen: Pseudo-westlich, semi-entwickelt, möchtegern-modern. Das Idealbild umfasst riesige Häuser, pinke Sofas, Mercedes, dramatische Liebesgeschichten. Daraus besteht das westliche Leben, sagt das Bild, das viele Tansanier haben. Und die Filme verfestigen diesen Irrtum, weil es eben das ist, was Tansanier klasse finden und – das gibt den Ausschlag – Geld einbringt. Und zwar jede Menge.
Das Problem ist allerdings, dass die Filme keinen tieferen Inhalt haben. Durch die Beschränkung auf oberflächliche Geschichten fällt der Film als Bildungsmedium weg. Was könnte, so denke ich immer wieder, nicht alles bewegt werden, wenn pro Film nur ein einziger relevanter Satz eingebaut würde. Zum Beispiel: Man schmeißt keine Plastiktüten aus dem Fenster, weil die nicht verwesen.
Das Idealbild der Tansanier müsste ihnen vorleben, wie man es macht. Aber das passiert nicht, weil die Produzenten viel zu sehr damit beschäftigt sind, ihr eigenes Ideal zu erreichen. Das ist das Traurige an dem Hype um die hiesigen Filme – es wäre so einfach und schmerzlos, sie zur allgemeinen Bereicherung zu nutzen. Man müsste es bloß wollen.


Kategorien: Afrika

19.05.2010 – 26.06.2010: Tansania + Ruanda

Mo, 06/28/2010 - 13:23

Nach langer, langer Zeit ohne Blogeintrag ist es überfällig, dieser Seite wieder etwas Leben einzuhauchen. Die meisten meiner treuen Leser wissen ja sicherlich, dass ich heute erst von meiner fünfwöchigen Reise zurückgekehrt bin und verzeihen deshalb hoffentlich die lange Funkstille.

Dies wird kein herkömmlicher Reisebericht, eher eine Ansammlung von Gedanken und Eindrücken.

In den letzten Wochen habe ich die Gelegenheit gehabt, große Teile Tansanias und Ruandas zu besuchen. Stationen auf der Reise waren Iringa, der Ruaha-Nationalpark, Mbeya, Kyela, Mwanza, Bukoba, Omrushaka, Kigali, Gisenyi, Kahama und Singida. Ein kurzer Blick auf die Landkarte zeigt: Das umfasst so ziemlich ganz Tansania. Es war also eine richtige Rundreise.

Am Beeindruckendsten fand ich deshalb im Grunde genommen auch das Busfahren. Zehn Monate lang habe ich immer wieder auf die Karte geguckt, Straßen verfolgt, Gebirge ausgemacht, Städtenamen gelesen. Jetzt kann ich damit plötzlich auch Bilder verbinden, und die könnten unterschiedlicher nicht sein. Berge im Süden, Wüste in der Mitte, Hügel im Norden, unendliche Seen eigentlich überall. Tansania ist so vielfältig und riesig, es gibt jede Menge zu sehen. Und das geht am Besten aus dem Überlandbus. So eng und unbequem die Sitze auch waren, so laut der Bus auch klapperte, und so sehr es nervte, jeden Tag im Auto zu sitzen – die längste Fahrt hat 17 Stunden gedauert – , landschaftlich hat sich die Reise wirklich gelohnt. In den nächsten Tagen erstelle ich eine Fotoschau (als PDF), die allen ein paar Eindrücke geben kann. Am verwunderlichsten finde ich eigentlich, wie unglaublich leer Tansania ist – gerade auf dem Land scheint sich das Leben hauptsächlich neben den geteerten Hauptstraßen abzuspielen. Das sieht meistens so aus, dass neben der Straße ein paar Häuser stehen. Dahinter kommen ein paar Felder, und dann erst mal nichts – dem Anschein nach bis zur nächsten Straße, ein paar hundert Kilometer weiter querfeldein. Besonders in den endlosen Savannen und Steppen zwischen Morogoro und Mwanza kommt da ganz schnell ein Gefühl der Verlorenheit auf.

Abgesehen von den Landschaften gab es natürlich auch noch die Städte. Da diese jedoch durchweg nicht besonders alt sind, gleichen sie sich ziemlich, es gibt keine “Sehenswürdigkeiten” im herkömmlichen Sinne. Mwanza und Bukoba liegen dafür am – besonders Abends schönen – Victoriasee, Dodoma besticht durch eine geplante Struktur mit zahlreichen Gebäuden, Zäunen, Straßen und Plätzen, die auch nach westlichem Verständnis (welches ich vermutlich nicht ablegen werde) wirklich “schön” sind. Welch ein Kontrast zu den dreckigen, schlammigen Straßen Dar es Salaams.

Ruanda, wo ich insgesamt vier Tage verbracht habe, ist wirklich nicht mit Tansania zu vergleichen. Das Land ist von Grund auf anders organisiert, während ich mich bei Tansania noch immer manchmal wundere, ob es überhaupt organisiert ist. In Ruanda sind die Städte aufgeräumt, die Häuser sind gestrichen, die Straßen hervorragend, das Transportsystem verlässlich. Die ganz andere Mentalität wird schon daran sichtbar, dass auf den Feldern der Mais in Reihen gepflanzt wird – in Tansania ist das für mich unvorstellbar.

Landschaftlich gibt’s in Ruanda Hügel, wohin das Auge schaut. Das gesamte Land wird genutzt, Felder, Straßen, Häuser – selbst die steilsten Hänge sind bewirtschaftet. Wir haben außer dem Kivu-See in diesen vier Tagen glaube ich kein Stück ursprüngliche Landschaft gesehen. Absolut dominierend sind Bananenpalmen – gefühlt vier aus fünf Feldern sind mit Bananen bewachsen. Wenn man durch Ruanda fährt würde einem ohne die Hilfe eines Reiseführers oder Botanikers im Leben nicht in den Sinn kommen, dass die Banane in Afrika gar nicht heimisch ist.

Ruanda hielt also einige ganz neue und überraschende Erfahrungen bereit. Das ging so weit, dass ich völlig verwirrt war, also mir in Kigali beim Besteigen eines Motorrad-Taxis ein Helm gereicht wurde. Nicht nur, dass die Motorraeder deutlich als Taxen gekennzeichnet sind, es besteht Helmpflicht! Alles in allem war diese Reise für mich so wichtig, weil jetzt ganz deutlich ist, dass Tansania nicht gleich Afrika ist.

Am Ende der Reise stehen also viele Eindrücke aus beiden Ländern – es fällt schwer, alles auf einmal zu bedenken. Ich bin sicher, dass ich noch ein paar tiefere Gedanken haben werde, und dann ist sicherlich Zeit für einen detaillierteren Beitrag.

Nun stehen allerdings zunächst noch ein paar Wochen Arbeit an – und die wollen genutzt werden. Ab morgen geht es dann also richtig los!


Kategorien: Afrika

Heiraten

Do, 04/29/2010 - 15:43

Seit einigen Wochen ist klar: Dieses Jahr heiratet Olivia (unsere Koordinatorin). Zwar wechselt das Datum noch immer munter zwischen sämtlichen Wochenenden im Juni und Juli, aber geplant wird trotzdem schon fleißig.

Mich – der ich mich mit dem Thema Heiraten noch nicht besonders genau auseinandergesetzt habe und deshalb die damit verbundenen Abläufe nicht so genau kenne – hat die ganze Aufmachung und Durchführung einer solchen Heirat hier in Tansania ziemlich mitgenommen.

Dies ist auch eine der wenigen Gelegenheiten, wo ich von etwas Allgemeinem erzählen kann, weil hier laut Olivia jede Hochzeit so geplant wird wie ich es gleich beschreiben möchte. Angeblich ist das unabhängig davon, zu welchem Stamm man gehört, aber – so muss gesagt werden – Olivia tendiert dazu, ihren Stamm (die Chagga) als den Maßstäbe setzende Bevölkerungselement anzusehen und darzustellen.

Die Hochzeit ist zweigeteilt: Es gibt die Hochzeit selbst (die muss der Bräutigam organisieren) und das Send-off. Bei dieser Feierlichkeit wird die Braut von Familie und Freunden verabschiedet.

Olivia ist also gerade dabei, ihr Send-off zu organisieren. Besser gesagt: Sie läßt es organisieren. Denn schon in den frühen Anfängen der Planung wird ihr alles aus den Händen genommen.

Olivias einzige Pflicht ist es, die allererste „Versammlung“ zu organisieren. Es wird ein großer Raum mit teurem Essen gemietet und alle Verwandten und Freunde werden eingeladen. Bei so einem Treffen kommen schon mal gut 100 Leute zusammen. Olivia muss dafür Einladungskarten erstellen.

Wer so eine Karte bekommt, darf sich zum glücklichen Kreis von Olivias Freunden zählen. Es gilt als unhöflich, dann nicht zu der Versammlung zu erscheinen.

Auf der Versammlung steht vorne ein Tisch, an dem Olivia und einige enge Verwandte sitzen. Der Rest sitzt in Theater-Manier davor. Olivia stellt nun ihren vorläufigen Finanzplan vor (natürlich nur für das Send-off). Ein normales Send-off bewegt sich so im Bereich von 12 Millionen Shilingi (um die 7.000 Euro).

Nun wählt die gesamte Versammlung aus ihren Reihen ein etwa 15-köpfiges Komitee, das im Nachfolgenden die gesamte Planung und Durchführung des Send-offs übernimmt. Olivia selbst hat ab diesem Punkt Null Mitspracherecht mehr. Selbst wenn sie zum Beispiel die Farbe Orange haßt, hält die Mitglieder des Komitees nichts davon ab, einen orangenen Raum mit orangener Deko zu buchen.

Obwohl doch, zwei Dinge fallen mir ein:

Erstens die Angst, dass Olivia selbst einmal Mitglied ihres eigenen Komitees sein könnte, und

Zweitens die Tatsache, dass Send-offs traditionell im kitschigsten Pink, Rosa oder Rose gefeiert werden.

Das Komitee legt nun die Dotierung einer Einladungskarte fest. Bei Olivia wurde der Betrag auf 50.000 Shilingi festgelegt (knapp 30 Euro). Ein Send-off wird nämlich nicht von der zukünftigen Braut finanziert, sondern hauptsächlich von Familie und Freunden (und deren Freunden). Der Beitrag, den jeder leistet, ist „freiwillig“ „wählbar“. Das bedeutet – wer nicht spendet, wird mehr oder weniger geächtet und darf nicht darauf hoffen, dass ihm in einer ähnlichen Situation etwas zugute kommen wird. Und der Mindestbetrag wird durch die Dotierung der Karte festgelegt.

In bezug auf Olivias Send-off heißt das: Wer (und das ist jetzt sehr subjektiv) das Pech hatte, eine Einladung zur Versammlung zu bekommen, wird jetzt sehr direkt aufgefordert, diese Einladung mit mindestens 50.000 Shilingi zu bezahlen. Wer es nicht tut, hat verloren. Natürlich ist das nur die Mindestsumme, nach oben gibt es keine Grenzen.

Im Folgenden steht deshalb jeder Eingeladene auf und verkündet vor den Versammelten, wie viel er beizusteuern gedenkt. Es wird schon ein bisschen schräg geguckt, wenn jemand sich für genau 50.000 Shilingi entscheidet. Dieses Angebot ist jetzt bindend und wird peinlichst genau notiert. In den nächsten Wochen liegt es in der Verantwortung jedes Spenders, das Geld vollständig beim Schatzmeister des Komitees abzugeben. Der ruft dazu auch gerne mal an und fragt, wo denn das versprochene Geld bleibt.

Wer nicht alles bezahlt, was er versprochen hat, erhält keine Einladung zum Send-off – und das wird natürlich peinlichst genau registriert.

Es wird also, um ehrlich zu sein, ein ziemlicher Druck auf die versammelten ausgeübt. Sie haben ja am Anfang auch gehört, wie viel Geld benötigt wird. Mir persönlich fällt es schwer zu verstehen, wie man sich dann noch über eine Heirat im Bekanntenkreis freuen kann.

Nach der Verkündung bleibt nur noch das Komitee übrig. Beim Hinausgehen erhält jeder noch einen Stapel Karten (jede einer Zahlungsaufforderung über 50.000 Shilingi gleichbedeutend), von dem erwartet wird, dass er sie irgendwie unter seinen Verwandten und Bekannten loswird. Es kann also passieren, dass ich aufgefordert werde, jemandem ziemlich viel Geld zu spenden, den ich nicht mal kenne. Dafür werde ich aber natürlich auch zum Send-off eingeladen.

Das Komitee entscheidet nun, wer welche Aufgaben übernimmt. Es wird ein Spendenkonto eingerichtet, über das der Schatzmeister die Hoheit hat. Das Komitee trifft sich von nun an jedes Wochenende, um die Fortschritte zu dokumentieren und darüber abzustimmen, ob der Hallen-Beauftragte die zwei Millionen für seine Halle bekommt oder ob er etwas billigeres suchen muss.

Diese Phase dauert zwei bis drei Monate. Am Ende steht dann eine Send-off-Feier, mit der die Braut herzlich wenig zu tun und über die die keinerlei Entscheidungsgewalt hat. Aber das ist ja vielleicht auch ganz gut, denn so kann sie den Abend voll und ganz genießen (es seidenn, der Raum ist wieder Erwarten doch in Orange gehalten).


Kategorien: Afrika

Die Sansibaris und das Meer

Mi, 04/21/2010 - 12:07

Das hier ist ein Beitrag von Nele Kroll, den sie auf Sansibar geschrieben hat. Danke dafuer!

Stone Town, die größte Stadt auf Sansibar (Geburtsort von Freddie Mercury), ist eine Stadt mjit labyrinthischen Gassen, vielen Läden und, vor allem, viel Geschehen im und am Wasser.

Unter den Touristen besonders bekannt und beliebt ist der allabendliche Essensmarkt bei den Forodhani Gardens, wo die örtlichen Fischer und Händler diverse Fisch- und Fleischspieße anbieten, außerdem Falafel, Chapata (Mehlfladen), Krabbenscheren und -besonders lecker- frisch gepressten Zuckerrohrsaft. Dieses Spektakel -bei dem natürlich jeder Verkäufer dein „Rafiki“  (=Freund) ist, den frischesten Fisch anbietet („It’s fresh, I caught it today“) und hohe Preise damit begründet werden, das Taubstumme die Speise zubereitet hätten und das Geld hierfür gänzlich an sie ginge- spielt sich direkt an der Hafenmauer ab.

Solange die Sonne noch ein klein wenig Licht spendet, kann man fortwährend Gelächter und Geplansche hören, wenn sich die Jungen in voller Montour von einem Vorsprung der Mauer kopfüber ins Wasser stürzen, prustend wieder auftauchen und kraulend ticken spielen.

Die etwas älteren findet man ein Stück weiter am Strand. Auch sie suchen (und finden) ihr Vergnügen im Wasser, dem sie Flick-Flack-schlagend näher und mit Saltos entgegen fliegen.

Leider ist das Meer neben einem Spielplatz auch die zentrale Mülldeponie. So lässt es sich beobachten, dass die (ohnehin rar gesäten) Mülleimer eines Dukas (Kiosk) zur Zeit des Ladenschlusses über die Mauer auf das Strand gekippt werden -wo deren Inhalt je nach Gezeiten entweder direkt im Meer landet oder später von der Flut weg gespült  wird.

Das jedoch wahrscheinlich interessanteste Spektakel, welches Stone Town und sein Meer verbindet, sind die Schiffe. Nein, ich rede nicht von den Dhows, mit denen die Fischer hinaus fahren, sonder von leicht rostenden größeren Schiffen, auf denen bestimmt sechs bis acht Autos mitgenommen werden können. Abgesehen von den zwischen Sansibar und dem Festland pendelnden Fähren scheinen alle Schiffe in etwa einem Kilometer Entfernung zum Ufer zu Ankern -oder geradewegs auf den Strand aufzusetzen. Wenn das Schiff dann auf dem Trockenen liegt, wird die Laderampe herab gesenkt und die Autos aufs Land gelassen. Das wieder hinauf Fahren stellt sich dann jedoch meist als schwieriger dar. Ein Kleinbus, der vielleicht mal als Daladala dienen könnte, fährt (nur mit dem Fahrer „beladen“) unter Volldampf die Rampe hinauf und bleibt schließlich mit der hinteren Stoßstange im Schlick stecken. Wobei man vielleicht von Glück reden könnte, denn so rutscht er wenigstens bei der 100%igen (=45°) Steigung nicht sofort runter, wenn man versucht, ihn freizuschaufeln.

Schließlich entscheidet sich der Kapitän, das Boot zurückzusetzen, wo das Ufer passender ansteigt, und darauf zu warten, dass das Wasser weiter zurückgeht. Immer in der Hoffnung, es beim nächsten Anlauf zu schaffen.

Währenddessen versinkt hinter den schwarzen Gestalten der dümpelnden Dhows und im Wasser tobenden Jungen und Männer die leuchtende Sonne im blau und orangefarben spiegelnden Meer.


Kategorien: Afrika

Drinnen und draussen

Mi, 04/14/2010 - 13:44

Eine Busfahrt aus dem Zentrum in die Vororte Dar es Salaams reicht schon aus, um einen wesentlichen Aspekt des tansanischen Großstadtlebens mit eigenen Augen zu sehen: Reichtum und Armut.

In der tansanischen Gesellschaft ist der Unterschied zwischen den Armen und den Reichen viel deutlicher sichtbar, als in Deutschland. Dies liegt vor allem am Sicherheitsaspekt, der das Leben der Reichen hier grundlegend beherrscht. Sobald man ein gewisses Einkommen erreicht hat, baut man hier zuallererst eine Mauer um sein Haus. Diese wird dann auf der Oberseite mit Glasscherben, Stacheldraht oder einem elektrischen Zaun versehen. Zugang auf das Grundstück ist nur noch durch kleine Eisentüren oder, bei steigendem Reichtum, massive Stahltore möglich. Je reicher der Besitzer, desto größer die Wahrscheinlichkeit, hinter dem Tor ein kleines Häuschen für das Wachpersonal zu finden.

An den Kombinationen von Mauerbewehrung, Türen und Wachmännern läßt sich recht genau einschätzen, wer hinter der Mauer wohl wohnt.

Ganz anders sieht das dagegen bei denjenigen aus, die sich keine Mauer leisten können. Sie leben in dicht aneinandergedrängten Häusern aus Ziegelsteinen. Nur selten sind sie verputzt oder angestrichen, sodass ein ziemlich heruntergekommener Ausdruck entsteht. Allerdings vermute ich, dass das nur mir so vorkommt, denn man könnte ja leicht etwas dagegen tun. Bei mir erwecken diese Häuser aber immer noch einen trostlosen Anblick, auch, wenn sie für ihre Bewohner vermutlich Grund zum Stolz sind.

Ladenbesitzer wohnen meist im gleichen Haus, in dem auch ihr Geschäft ist. Das sind dann aber gleich wohlhabendere Menschen, die sich auch Häuser aus Beton leisten können.

Und jetzt zurück zur oben beschriebenen Fahrt. Im Zentrum findet man die großen Bürogebäude, wie in jeder Stadt. Je weiter man Richtung Vororte kommt, desto schöner werden die Häuser, bis man irgendwann nur noch die Mauern sieht. Hier sind Botschaften, UN-Organisationen und viele NGOs angesiedelt – natürlich alle hinter dicken Mauern, wie um ihre Nähe zu den Tansaniern zu demonstrieren. Bald danach kommen dann kleine Häuser und die Mauern verschwinden zugunsten von Läden und Bars. Erst nach einer Weile kommt man wieder in zugemauerte Gegenden, bevor es danach so richtig ländlich wird. Es wird also deutlich: Man bleibt gerne unter sich.

Am Bedeutsamsten finde ich bei dieser ganzen Betrachtung die Abkapselung der Wohlhabenden, dieses „Ihr seid draußen vor der Tür, und das ist auch gut so“. Man stelle sich mal vor, in Volksdorf gäbe es statt Hecken immer drei-Meter-Mauern. Das wäre sicherlich nicht besonders gesellig.

Was ich mir immer nicht vorstellen kann ist, dass diese Mauern wirklich notwendig sind. Auf mich macht die Stadt gar nicht so einen unsicheren Eindruck, wenn man ein paar Dinge beherzigt. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass wir selber hinter Mauern wohnen.

Letztens erst kam mir dazu ein Gedanke: Möglicherweise werden die Mauern gar nicht gebaut, weil sonst sofort eingebrochen würde. Das kann ich mir nicht vorstellen, weil Diebe hier dermaßen wenig Ansehen genießen, dass sie in manchen Landesteilen von aufgebrachten Mengen verbrannt werden. Das ist zwar nicht schön, gehört aber zur Realität. Mittlerweile glaube ich eher, dass die Mauern gebaut werden, weil man nicht die Möglichkeit hat, die Polizei zu rufen. Und das bringt mich auf den Gedanken, dass genau das, was ich gerade noch bemängelt habe, nämlich das Aussperren, hier überhaupt nicht so aufgefaßt wird, weil es ganz normal ist. Genau wie ungestrichene Fassaden und Müll auf den Straßen.


Kategorien: Afrika