Seit einigen Wochen ist klar: Dieses Jahr heiratet Olivia (unsere Koordinatorin). Zwar wechselt das Datum noch immer munter zwischen sämtlichen Wochenenden im Juni und Juli, aber geplant wird trotzdem schon fleißig.
Mich – der ich mich mit dem Thema Heiraten noch nicht besonders genau auseinandergesetzt habe und deshalb die damit verbundenen Abläufe nicht so genau kenne – hat die ganze Aufmachung und Durchführung einer solchen Heirat hier in Tansania ziemlich mitgenommen.
Dies ist auch eine der wenigen Gelegenheiten, wo ich von etwas Allgemeinem erzählen kann, weil hier laut Olivia jede Hochzeit so geplant wird wie ich es gleich beschreiben möchte. Angeblich ist das unabhängig davon, zu welchem Stamm man gehört, aber – so muss gesagt werden – Olivia tendiert dazu, ihren Stamm (die Chagga) als den Maßstäbe setzende Bevölkerungselement anzusehen und darzustellen.
Die Hochzeit ist zweigeteilt: Es gibt die Hochzeit selbst (die muss der Bräutigam organisieren) und das Send-off. Bei dieser Feierlichkeit wird die Braut von Familie und Freunden verabschiedet.
Olivia ist also gerade dabei, ihr Send-off zu organisieren. Besser gesagt: Sie läßt es organisieren. Denn schon in den frühen Anfängen der Planung wird ihr alles aus den Händen genommen.
Olivias einzige Pflicht ist es, die allererste „Versammlung“ zu organisieren. Es wird ein großer Raum mit teurem Essen gemietet und alle Verwandten und Freunde werden eingeladen. Bei so einem Treffen kommen schon mal gut 100 Leute zusammen. Olivia muss dafür Einladungskarten erstellen.
Wer so eine Karte bekommt, darf sich zum glücklichen Kreis von Olivias Freunden zählen. Es gilt als unhöflich, dann nicht zu der Versammlung zu erscheinen.
Auf der Versammlung steht vorne ein Tisch, an dem Olivia und einige enge Verwandte sitzen. Der Rest sitzt in Theater-Manier davor. Olivia stellt nun ihren vorläufigen Finanzplan vor (natürlich nur für das Send-off). Ein normales Send-off bewegt sich so im Bereich von 12 Millionen Shilingi (um die 7.000 Euro).
Nun wählt die gesamte Versammlung aus ihren Reihen ein etwa 15-köpfiges Komitee, das im Nachfolgenden die gesamte Planung und Durchführung des Send-offs übernimmt. Olivia selbst hat ab diesem Punkt Null Mitspracherecht mehr. Selbst wenn sie zum Beispiel die Farbe Orange haßt, hält die Mitglieder des Komitees nichts davon ab, einen orangenen Raum mit orangener Deko zu buchen.
Obwohl doch, zwei Dinge fallen mir ein:
Erstens die Angst, dass Olivia selbst einmal Mitglied ihres eigenen Komitees sein könnte, und
Zweitens die Tatsache, dass Send-offs traditionell im kitschigsten Pink, Rosa oder Rose gefeiert werden.
Das Komitee legt nun die Dotierung einer Einladungskarte fest. Bei Olivia wurde der Betrag auf 50.000 Shilingi festgelegt (knapp 30 Euro). Ein Send-off wird nämlich nicht von der zukünftigen Braut finanziert, sondern hauptsächlich von Familie und Freunden (und deren Freunden). Der Beitrag, den jeder leistet, ist „freiwillig“ „wählbar“. Das bedeutet – wer nicht spendet, wird mehr oder weniger geächtet und darf nicht darauf hoffen, dass ihm in einer ähnlichen Situation etwas zugute kommen wird. Und der Mindestbetrag wird durch die Dotierung der Karte festgelegt.
In bezug auf Olivias Send-off heißt das: Wer (und das ist jetzt sehr subjektiv) das Pech hatte, eine Einladung zur Versammlung zu bekommen, wird jetzt sehr direkt aufgefordert, diese Einladung mit mindestens 50.000 Shilingi zu bezahlen. Wer es nicht tut, hat verloren. Natürlich ist das nur die Mindestsumme, nach oben gibt es keine Grenzen.
Im Folgenden steht deshalb jeder Eingeladene auf und verkündet vor den Versammelten, wie viel er beizusteuern gedenkt. Es wird schon ein bisschen schräg geguckt, wenn jemand sich für genau 50.000 Shilingi entscheidet. Dieses Angebot ist jetzt bindend und wird peinlichst genau notiert. In den nächsten Wochen liegt es in der Verantwortung jedes Spenders, das Geld vollständig beim Schatzmeister des Komitees abzugeben. Der ruft dazu auch gerne mal an und fragt, wo denn das versprochene Geld bleibt.
Wer nicht alles bezahlt, was er versprochen hat, erhält keine Einladung zum Send-off – und das wird natürlich peinlichst genau registriert.
Es wird also, um ehrlich zu sein, ein ziemlicher Druck auf die versammelten ausgeübt. Sie haben ja am Anfang auch gehört, wie viel Geld benötigt wird. Mir persönlich fällt es schwer zu verstehen, wie man sich dann noch über eine Heirat im Bekanntenkreis freuen kann.
Nach der Verkündung bleibt nur noch das Komitee übrig. Beim Hinausgehen erhält jeder noch einen Stapel Karten (jede einer Zahlungsaufforderung über 50.000 Shilingi gleichbedeutend), von dem erwartet wird, dass er sie irgendwie unter seinen Verwandten und Bekannten loswird. Es kann also passieren, dass ich aufgefordert werde, jemandem ziemlich viel Geld zu spenden, den ich nicht mal kenne. Dafür werde ich aber natürlich auch zum Send-off eingeladen.
Das Komitee entscheidet nun, wer welche Aufgaben übernimmt. Es wird ein Spendenkonto eingerichtet, über das der Schatzmeister die Hoheit hat. Das Komitee trifft sich von nun an jedes Wochenende, um die Fortschritte zu dokumentieren und darüber abzustimmen, ob der Hallen-Beauftragte die zwei Millionen für seine Halle bekommt oder ob er etwas billigeres suchen muss.
Diese Phase dauert zwei bis drei Monate. Am Ende steht dann eine Send-off-Feier, mit der die Braut herzlich wenig zu tun und über die die keinerlei Entscheidungsgewalt hat. Aber das ist ja vielleicht auch ganz gut, denn so kann sie den Abend voll und ganz genießen (es seidenn, der Raum ist wieder Erwarten doch in Orange gehalten).