Das “Namaste”, die indische Begrüßungsformel, hat sich fürs erste erledigt – der deutsche Alltag hat mich wieder. Seit einigen Wochen bin ich zurück in Deutschland.
Mein Abschluss-Bericht ist recht ausführlich geraten. Für alle, die im Moment nicht die Muse haben sich mit den 4 Seiten herumzuschlagen ganz kurz zusammengefasst: Es war ein Jahr – und das nicht nur wegen der manchmal exotischen Abenteuer.
Mein Weltwärts-Jahr ist mit diesem Bericht quasi abgeschlossen. An dieser Stelle, auf www.weltwaerts-kolkata.de werden aber schon bald meine Nachfolger berichten, die gerade in Kolkata angekommen sind. Nicht ausgeschlossen auch, dass ich – hier oder an anderer Stelle – noch einiges zum Thema Entwicklung, Nachhaltigkeit und Engagement schreiben werde.
Jetzt aber also mein letzter großer Bericht:
Es war einmal, vor langer, langer Zeit … märchenhaft – und ja, es ist wirklich schon eine ganze Weile her. 54 Wochen ungefähr, ganz genau. Damals ging es los: In den Flieger, über Dubai, durch den atemberaubend chaotischen Verkehr und ab in eine andere Welt, direkt ins indische Leben.
Wobei – im Prinzip fing alles ja schon viel früher an. Mit den Überlegungen nicht einen sinnfreien Wehrdienst zu leisten und auch nicht einen mühsamen Zivildienst „abzusitzen“. Mit der Überlegung etwas zu bewegen in diesem Jahr. Die kleinen Zweifel kamen erst später. Zwar waren sich alle einig, dass dieser Freiwilligen-“Dienst“ mit seinen vielfältigen Erfahrungen am allermeisten uns, den Freiwilligen, nutzt. Im voraus wurde uns regelrecht eingebläut, dass man als unausgebildeter Unterstützer vor Ort mehr Last als Hilfe sein wird. Zumindest bei unserem Projekt hätte diese Aussage aber kaum weniger zutreffen können. Grenzen gaben uns unser Einfallsreichtum, unsere Energie und Motivation. HELGO North Point (HNP) mag ein außergewöhnliches Projekt sein – außergewöhnlich vielfältig, mit außergewöhnlich vielen kleinen (und großen) Dingen, die man ganz vorsichtig zu verbessern suchen kann. Aber vor allem ist HNP eine Organisation mit mehr als außergewöhnlichem Vertrauen und Offenheit uns Freiwilligen gegenüber.
Am Ende kann ich jetzt von mancherorts überschwänglichem und andernorts vorsichtigem Lob berichten und viel wichtiger: Ich selbst bin überzeugt einiges erreicht zu haben.
Ich habe unglaublich viel gesehen, getan und erlebt in diesem Jahr. Meine Zeit war weniger ein hineinwachsen in Aufgaben als Freiwilliger und viel mehr eine ständige Entwicklung, während der ich verschiedene Rollen inne hatte.
Der Anfang war eine kleine Herausforderung. Ich war gut vorbereitet, aber sich letztlich an die Verhältnisse in Tikiapara zu gewöhnen hat einige Zeit gedauert. Nach einer herzlichen Begrüßung mit Blumenketten in einem vollgestopften Wagen durch den absolut verrückten Verkehr zu schlängeln ist aber etwas, das mir schon zwei Monate später ganz selbstverständlich erschien. Genau wie die kleinen Gassen, in denen unzählbar viele Familien leben oder die manchmal lästigen, aber immer sehr offenen und freundlichen Menschen auf der Straße. Man kann sich an unglaublich vieles gewöhnen und ich hätte an keinem anderen Ort leben wollen. Es ist sicher ungerecht, dieses oft arme, chaotische Leben als einzig „wahres Indien“ zu bezeichnen, aber dieses so einfache – oder vielleicht besser schwierige – Leben hat mich bis zum letzten Tag fasziniert. Ja eigentlich fasziniert es mich immer noch. Es gab immer etwas zu sehen und viele andere Freiwillige kamen uns besuchen um „den Müllberg zu sehen“. Arbeitsplatz der Ärmsten, habe ich dort immer wieder halb schockiert beobachtet wie selbst Kinder den Müll nach verkaufbaren Rohstoffen durchsuchten. Ich aber auch beeindruckt von diesen Menschen, die dort unter diesen – für uns Deutsche undenkbaren – Bedingungen ums Überleben kämpfen. Wenn man eine solche Familie allerdings kennenlernt, scheint sie selten verzweifelt und immer, wirklich immer extrem gastfreundlich. Wie man mit einer 8-köpfigen Familie in einem einzigen, kleinen Raum leben kann ist mir bis heute unklar – aber es scheint möglich zu sein. Vielleicht ist es ein bisschen zu einfach, wenn ich diese Situation so mehr oder weniger akzeptiert habe, aber es ist schlichtweg absurd Gerechtigkeit in Form gleicher Lebensumstände für alle Menschen unserer Welt zu fordern oder auch nur zu träumen.
Was ich auch – ein wenig schmerzlich – lernen musste ist, dass selbst eine gute NGO nicht jedem helfen kann. Mittel und Möglichkeiten sind trotz allem begrenzt und es gilt abzuwägen zwischen Nutzen und Risiken für das ganze Projekt. So musste ein Kind, das große Verhaltensprobleme hatte, unser Hostel verlassen – es wurde zurück in eine Familie geschickt, in der der Vater den Jungen wohl sogar im Haus anbindet, damit er nicht weg läuft. Ein Selbstmord in der Obhut der NGO andererseits würde aber wohl jegliche Hilfe für die restlichen 200 Kinder unmöglich machen.
Mein Alltag bestand – zumindest Anfangs – daraus die Sozialarbeiter oft auf Hausbesuchen zu begleiten und die von unserem Projekt organisierten Nachhilfe-Klasse zu besuchen. So konnte ich die Arbeit, die Mitarbeiter und die Kinder ausgiebig kennenlernen. Nach und nach konnte ich dann mit meinen stetig wachsenden Hindi-Kenntnissen auch mal selbst eine Frage an die Familien richten und manchmal unterstützte ich Kinder bei ihren Englisch-Aufgaben im Unterricht. Hauptsächlich entstand aber beim regelmäßigen Smalltalk eine sehr gute Beziehung zu den indischen Angestellten, die sich im Laufe des Jahres immer wieder sehr ausgezahlt hat.
Nachdem dieser Alltag schon eine gewisse Routine entwickelt hatte kam Helgo, deutscher Arzt und Gründer der Organisation, zum ersten Mal nach Indien. Wir Freiwilligen waren nicht nur beim Frühstück in seiner Wohnung willkommen, sondern durften ihn auf all seinen Besuchen und den meisten Besprechungen begleiten. Daraus ergab sich ein detailierter Eindruck der hintergründigen Arbeit, aber auch das Selbstvertrauen und die Anregungen um Aufgaben manchmal selbstständiger anzugehen. Da auch die indische Leitung sehr vertrauensvoll war, änderten sich meine Arbeitfelder wieder. Mit einer Mitarbeiterin zusammen organisierte ich mehrere Lehrer-Treffen, bei denen teilweise sogar Probleme zur Sprache kamen (etwas, das in Indien alles andere als selbstverständlich ist). Ich brachte dann die Lösungsansätze bei der indischen Leitung vor und dank meinem Stand als „Deutscher“ – und ein bisschen Geduld und Nachdruck – konnte ich einige Kleinigkeiten verbessern. Ähnliches nahmen wir einige Monate später auch mit den Sozialarbeitern in Angriff. Dieses etwas freiere, organisatorische Arbeiten hat mir sehr viel Spaß gemacht. Da es im Projekt in diesem Bereich eine Lücke gibt, konnte ich hier sehr viel tun und so manches bewirken.
Um die Weihnachtszeit hatte ich Luft um andere Teile von Indien zu bereisen. Zunächst konnte ich meinen Eltern unser Projekt zeigen und später gehörte es gar zur Arbeit der Freiwilligen, die verschiedenen Gäste zu führen. Alle Fotos und Berichte können doch nicht die Situation dieser Kinderarbeiter vermitteln und so war es toll einigen Menschen diese Erfahrungen hautnah geben zu können.
Außerdem waren nun die jährlichen Berichte zu allen Kindern zu schreiben und einige Büro-Tätigkeiten mussten erledigt werden. Nach einem weiteren Besuch der deutschen Verantwortlichen durfte ich sehr aktiv an einigen dann diskutierten Veränderungen mitarbeiten.
Letztendlich war das Jahr dann schnell vorbei. Der nahende Abflug gab nochmal einen letzten Schub, die Dinge fertigzustellen. Nach zwölf Monaten war es aber jetzt auch genug und ich habe mich wieder auf Deutschland gefreut. Die Arbeit war höchst spannend, aber oft auch anstrengend. Gerade weil man oft auf sich selbst gestellt war eine neue Aufgabe zu finden. So kam es öfter vor, dass auf eine Woche harter Arbeit dann ausgebrannt eine Woche ohne viel Beteiligung folgte.
Wenn ich hier von meiner Arbeit, meinem Alltag berichte darf ich aber den vielleicht größten Teil meines indischen Lebens nicht vergessen. Die Lücken jeden Tages, ob nun ein ganz normaler Nachmittag oder unser (offiziell) arbeitsfreier Sonntag waren gefüllt mit den zwanzig höchst aktiven Jungen, die dauerhaft im Hostel leben. Schon nach wenigen Wochen hatte ich eine sehr enge Beziehung zu diesen Kindern. Die individuelle Frei- und Ruhezeit mag dabei vielleicht zu kurz gekommen sein – langweilig wurde es so aber jedenfalls nie. Einige Schwierigkeiten musste ich mit durchmachen, aber wie so oft waren diese durchaus lehrreich. Ein Diebstahl gibt eben auch Anlass über die Situation der Kinder nachzudenken und kann – man mag es kaum glauben – dazu führen, dass ein Taschengeld eingeführt wird. Als ich gegen Ende des Jahres dann auch mal auf Hindi über einen Streit diskutieren konnte (auch wenn ich in den entscheidenden Momenten natürlich chancenlos unterlegen war), gab es für mich selbst eine kleine kostprobe von der Mühe und Geduld, die Erziehung erfordert. Dass mich die Kinder als „Brother“ bezeichneten, war am Ende jedenfalls keine leere Floskel mehr.
Das Ankommen in Deutschland verlief erstaunlich reibungslos. Ich kann es immer noch kaum glauben, wie bekannt und gewohnt alles ist. Fast bin ich ein wenig enttäuscht, es fühlt sich an wie vor einem Jahr. Aber die Erlebnisse der letzten zwölf Monate haben mich sicherlich verändert. Nicht grundsätzlich, aber im Detail. Nachhaltigkeit und so etwas wie globale „Gerechtigkeit“ waren mir schon vor diesem freiwilligen Jahr in Indien wichtig, nicht zuletzt deshalb wollte ich unbedingt meinen Dienst in einem Land leisten, in dem die Lebensumstände so extrem schwierig sind. In der letzten Zeit sind diese Ideale für mich praktisch geworden und ich bin auf der Suche mein Leben wirklich nachhaltiges zu machen. Letztendlich haben wir (fast alle) Möglichkeiten hier in Deutschland. Wie kann es da sein, das wir alle dem Schnäppchen hinterherjagen, obwohl uns schleierhaft ist, wie von diesem Geld irgendein Hersteller überleben soll? Wie kann es sein, dass wir Wohlhabende profitieren während andernorts Familien so prekär leben, dass selbst ihre kleinen Kinder arbeiten müssen?
Es ist weder möglich noch hilfreich, wenn halb Deutschland nach Indien oder Afrika ziehen würde um dort „zu helfen“. Aber es muss möglich sein ein Leben zu führen, das Deutschen und Indern eine faire Chance gibt. Wie dieses Leben konkret aussieht werde ich die nächsten Monate und Jahre erkunden. Aber eines steht auch fest – ich bin nicht zum letzten Mal in Indien gewesen. Das Jahr hat Begeisterung in mir geweckt und mein Leben wird Platz für Engagement auf die ein oder andere Weise, in der ein oder anderen Organisation haben. Hier und dort. Eher mehr als weniger …
Wie auch immer die Dinge ihren Lauf nehmen werden, eine Erkenntnis bleibt mir in jedem Fall: Alle Orte haben ihre Vor- und Nachteile, aber ich kann mich überall irgendwie zu Hause fühlen.
„Und alle Menschen lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage?“
Märchen sind etwas tolles. Exotische Abenteuer, aber vor allem: Sie gehen immer gut aus! Ob „unsere Geschichte“ auch eine gute Wendung nimmt?



