Fern von aller Technik wird die Natur wieder zur inneren Uhr. Genauso wie ich in Manara bereits am ersten Tag um halb neun im Bett lag, konnte ich spätestens um 6 Uhr morgens nicht länger schlafen und machte mich auf die Beine. Es wäre ohnehin nicht möglich gewesen, denn draußen lärmten Kinder und tollten umher, so dass an Schlaf nicht weiter zu denken war. Meine Kollegin war schon längst wach und hatte bereits ihre Morgengebete gesprochen, die Teil ihres Lebens als Ordensschwester sind. Jetzt galt es zu frühstücken. Die erste Herausforderung stellte dabei das Trinkwasser da, wir hatten etwas in Flaschen abgefüllt mitgenommen, doch das ging bereits zur Neige. Um die Lage etwas zu koordinieren bat Sister Marivic ein paar Kinder, die Dorfälteste zu holen. Sie kam auch bald und schon konnten wir einige nützliche Informationen einholen. Wasser gab es entweder in einer kleinen Lehmrinne, die sich nachts mit Tauwasser füllte, aber selbst von den Stammesmitgliedern nur als Brauchwasserreservoir genutzt wurde. Die andere Möglichkeit war eine kleine Quelle unterhalb des Dorfes. Es hieß sie sei nah, was aber immer noch eine Höhendifferenz von gut 100 Metern bedeutete. Fortan hieß es dann jeden Morgen mit einem Kanister den glitschigen Pfad hinuterzusteigen und Wasser zu holen. Um zur Quelle zu gelangen musste man erst einen kleinen Bach überqueren. Beim Rückweg war das jedes Mal ein Balanceakt, der auch zweimal scheiterte, so dass ich samt meiner 15 Liter Wasser hineinfiel. Ich fand die ganze Prozedur des Wasserholens unheimlich anstrengend und bedauerte die Menschen im Dorf, denn für sie war es Tag ein, Tag aus dieselbe, sogar vielfache Anstrengung für je nach Familie 6-8 Personen. Mit dem gewonnen Wasser wurde nun also sowohl gekocht als auch geduscht. Bevor wir es Trinkwasser verwendeten, kochten wir es ab.

Die Quelle unseres Trinkwassers
Nach dem Frühstück wollte ich mich zunächst einmal im Dorf umschauen. Es bestand aus den Hütten der Leute, einem großen Platz mit Basketballkörben, der koreanischen Missionskirche und zwei weiteren Gebäuden, die ich nicht identifizieren konnte. Während ich so umher schlenderte wurde ich von allen Seiten von den auf einen Schlag ruhig gewordenen Kindern angestarrt. Drehte ich mich zu einem um, lief es sofort weg. Sprach ich eines auf Cebuano an, lachte es nur verschämt und suchte dann ebenfalls das Weite.Irgendwann setzte ich mich vor das Day-Care Center und wartete einfach nur ab. Zuerst geschah nichts, dann aber sammelten sich langsam die Kinder hinter mir, setzten sich und starrten mir alle in den Rücken. Ich drehte mich um – sie blickten weg. Dann begann ich ein Lied zu singen. Ich versuchte es mit „Let it be“ von den Beatles. Sie blickten her, hörten gebannt zu und nach der zweiten Strophe stimmten sie erst verhalten, dann aber immer kräftiger mit in den Kanon ein. Es war eine abstruse Situation: Mitten in den Bergen Negros, fünf Stunden entfernt von der nächsten größeren Stadt, in einem Dorf in dem vielleicht noch nie ein Wort Englisch gesprochen wurde, erklangen 30 fröhliche Kinderstimmen, die forderten, es einfach geschehen zu lassen und alles nicht so ernst zu nehmen. Kurzum: die Welt mit Kinderaugen zu betrachten – wenn sie nur gewusst hätten, was sie da sangen! Irgendwie löste das die Spannung und die Kinder bombardierten mich mit Fragen: „Sir, ano panghalan mo?“, „Sir, ano obra mo?“, Sir, Sir, Sir?! Warum nannten sie mich so? Ich verstand damals wirklich nichts bis auf die Anrede. Alles was ich sagte, oder besser, wie ein Mantra wiederholte, war: „Dili koy Sir! Dili koy Sir!“ - „Ich bin kein Sir! Ich bin kein Sir!“ Irgendwie kamen wir dann allmählich zu dem Kompromiss, dass ich, da ich so viel älter als sie war, zumindest einen „Tiyo“, also Onkel für sie darstellte. Es dauerte noch ein bisschen, bis sich die Anrede durchsetzte, oft wurde ich weiterhin als Sir angerufen, gegen Ende aber bürgerte sich der Onkel ein. Wann auch immer ich durch das Dorf zog, rief man mir nach: „Warte, Onkel Stephan!“, „Wo gehst du hin, Onkel Stephan?“, „Lass uns etwas spielen, Onkel Stephan!“. Man darf jetzt nicht annehmen, dass das hieß, dass ich viel verstanden hätte. Lediglich die Grundbegriffe wie „kommen“, „gehen“, „heißen“, etc. sind in Cebuano und Ilonggo die selben, so dass immerhin eine Unterhaltung über die elementarsten Themen möglich ist. Alles weitere wurde aber bereits zu einer Art babylonischem Sprach-Irrgarten für mich. Da war ein Wort dasselbe wie in Cebuano, dann wieder irgend etwas anderes, dann entliehene und veränderte Begriffe aus dem Spanischen, schlicht die totale Verwirrung. Alles in allem beschränkte ich mich meist auf den non-verbalen Umgang mit den Kindern.

Ein erstes Bild mit den wie verwandelten Kindern
Ein kleiner Junge, vielleicht 4 Jahre alt, kraxelte leichtfüßig und einen 15 Meter hohen Baum und winkte mich ebenfalls hoch. Ich versuchte es, musste jedoch an der Hälfte aufgeben, da mir das Geäst doch arg instabil vorkam. Dafür hingen am ganzen Baum Früchte, die so aussahen wie grüne Bohnen. Ich pflückte ein paar und warf sie spaßeshalber in die Menge der unten verbliebenen Kinder. Das verstanden sie als Zeichen zum Angriff und eine wilde Bohnenschlacht begann. Am Ende hieß es alle gegen einen und der Beschuss mit überaus harten Hülsen auf mich wollte gar nicht mehr aufhören. Die Kinder schrien vor Freude bei jedem Treffer und völlig erschöpft musste ich mich geschlagen geben. Verzweifelt rief ich „Nadaog na mo, nadoag na mo!“ - „Ihr habt gewonnen!“. Einzig, die Kinder konnten oder wollten das nicht verstehen und warfen munter weiter. Erst als ich wie wild mit den Händen winkte ließen sie ab und ich konnte von meinem Baum hinunter.

Christian, der Junge vom Baum
Sister Marivic war währenddessen einer etwas sinnvolleren Beschäftigung nachgegangen und hatte für 12 Uhr Mittags ein Meeting mit dem Oberhaupt des Dorfes ausgemacht. Ich fühlte mich um die Zeit bereits stark ermüdet, wollte aber dennoch dabei sein und zuhören. Das Gespräch fand natürlich auf Ilonggo statt und ich verstand dementsprechend kein Wort, gerade da es ja auch um tiefer gehende Themen zu gehen schien. Das Zuhören dieses nicht verstehbaren Gesprächs ermüdete mich noch mehr und als es beendet war, bat ich Sister Marivic mich zu entschuldigen, denn ich fühlte, dass ich etwas Schlaf bräuchte. Sie interviewte währenddessen andere Dorfbewohner, und stellte fragen über Familie, Einkommen, Ernährungs -und Gesundheitssituation. Zu meiner Müdigkeit trug glaube ich mit bei, dass alles so schrecklich abgeschieden war und man tatsächlich nicht wirklich kommunizieren konnte. Jedenfalls schlief ich an diesem Mittag erst einmal zwei Stunden lang. Als ich aufwachte waren die Kinder im Day Care Center und trommelten laut auf alten Blechdosen herum. Ursprünglich hatte ich viele Pläne gehabt. Einer davon war, einige Schulhefte und Buntstifte mitzunehmen, um mit den Kindern ein wenig zu malen und so etwas über ihre Wahrnehmung des Dorflebens herauszufinden. Ich gab also einigen Kindern ein paar Hefte und brachte es fertig ihnen mein Anliegen vorzutragen. „Malt bitte euer Haus“. Kein Kind wollte, ein jedes gab den Stift an seinen Nachbarn weiter und letztlich hatte ich ihn wieder in der Hand. Dann also ich zuerst. Ich malte unser Haus in Deutschland, probierte den Garten und die Bäume darzustellen und scheiterte wirklich in allen Belangen, so dass ich es am liebsten zerknüllt hätte. Trotz allem gefiel es den Kindern und ein Mädchen kam hervor und wollte sich auch probieren. Sie malte ein Viereck, eine Tür, zwei Fenster und gab dem ganzen dann noch ein Dach. Zu meiner großen Verwunderung begann sie Dachziegel zu malen, rote Dachziegel; wo doch hier eigentlich alles aus Stroh und Pandan-Gras bestand. Leider konnte ich ja nicht fragen weshalb, aber ich schätzte dass es einer Vorlage aus dem Unterricht im Day Care Center nachempfunden war. Und tatsächlich: da hingen Bilder von Menschen, Tieren, aber auch Gebäuden. Für alles gab es scheinbar eine Art, es richtig zu malen und später sah ich, dass sich die Bilder der Kinder in den Heften meist mit denen an der Wand deckten. Lustigerweise waren alle Bildunterschriften an der Wand auf Englisch, so wie wohl in jedem anderen Zentrum landesweit. Anscheinend machte die Regierung da keine Unterschiede, egal ob der Ort jetzt Manila oder Manara hieß.

Kinder beim Malen
Ich bat einen Jungen, seinen Vater und seine Arbeit zu malen. Der kleine hatte Talent, er zeichnete einen detailgetreuen Menschen, der mit einer Harke das Gras unter sich bearbeitete. Darunter schrieb er „mag-uuma“ - „Farmer“. Wie ich später erfuhr war das die Arbeit aller Väter und eigentlich auch der Mütter. Eigentlich eine naive Frage, denn was sollte es auch sonst sein hier in den Bergen. Vielleicht Computertechniker oder LKW-Fahrer? Handwerksarbeiten verrichtete jede Familie selbst, dass hieß also auch, dass jeder Mann wissen musste, wie man ein Haus baut.
Die Kinder wollten raus und hatten außerdem meine Kamera entdeckt. Nur ein Bild genügte und sie waren in Feuereifer entbrannt. „Schieß noch ein Bild, Onkel“, „Noch eins“. Ich wollte etwas hinaus und die Kinder folgten mir. Da ich die Gegend noch nicht erkundet hatte, schlug ich den Weg in Richtung Berge ein, hinter mir eine lärmende Horde. Ich kam nicht weit, denn die Kinder versteckten sich hinter jedem Stein, sprangen hervor und schrien „Mach ein Bild von mir, los“. Sie nahmen die verschiedensten Posen ein und konnte nicht genug bekommen vom Blitzlichtgewitter. Sie hoben zwei Stöckchen vom Boden auf, machten ein Kreuz daraus und flochten einen kleinen Blumenkranz. Der Kreuzträger stellte sich vor mich und ich wurde gefragt ob ich dass nicht auch kenne. Es war unfassbar, ich befand mich in einer Prozession mit kleinen Kindern.

Die Prozession...
Scheinbar musste es so etwas öfter im Dorf gegeben haben. Die Krönung kam aber, als wir unser Ziel erreichten: einen Haufen Büffelkot in den das Kreuz gestoßen und dann mit den Blumen dekoriert wurde. Urkomisch, was für eine herrliche Bildersprache das darstellte.

...und ihr Ziel
Der Tag ging zu Ende und ich wollte ein Spiel mit den Kindern spielen. Ich versammelte alle auf dem Basketballplatz um es ihnen zu erklären. Man kreide es mir nun nicht an, wenn ich irgendwelche Klischees damit bediene, nichts davon hat einen rassistischen Hintergrund. Das Spiel nannte ich: „Wer hat Angst vor´m weißen Mann“: Der bekannte Klassiker wurde einfach abgewandelt und ich war der Fänger. Es war wieder eine Tortur bis ich die paar Worte gefunden hatte, die ich zur Erklärung benötigte. Bis zum Ende lief das Spiel nie optimal, also regelkonform ab, oft rannten alle einfach nur planlos umher, beziehungsweise vor mir weg. Fänger und Gefangene mischten sich ganz nach Belieben, aber alle hatten trotzdem ihren Spaß. So ging der Tag zu Ende, ich verstand mich mit den Menschen, ohne sie wirklich zu verstehen.

Kleiner Ausflug Richtung Berge
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