Fast unbeschreiblich ist das Gefühl, sich im “dritten Stock” einer Mine des Cerro Rico von Potosí zu befinden. Es fehlt das Tageslicht und alle natürlichen Geräusche. Stattdessen hallen unsere Schritte und aus den schwarzen Rohren, die sich durch alle Gänge ziehen um sie zu belüften, tritt an einigen Stellen zischend Gas aus. Wir laufen auf Schienen; wenn ein vollgeladener Wagen kommt, drücken wir uns gegen die Steinwände. Morsch aussehende Holzbalken tragen in einer wackeligen Konstruktion die Decken und ich habe Angst. Staub liegt auf meiner Zunge, Staub sitzt fest in meiner Nase, Staub ist in meiner Lunge und macht das Atmen schwer. Staub haftet an den Kleidern und an dem Baumwolltuch, dass ich mir als Schutz vor Mund und Nase binde. Es ist heiß hier unten, aber noch nicht so heiß wie zwei Stockwerke tiefer – bis 50 Grad Celsius herrscht im Berginneren. Auch noch unter diesen Bedingungen arbeiten Männer. Die Gänge scheinen endlos. Schon nach den ersten hundert Metern kann man nicht mehr aufrecht laufen. Oft stoße ich mit meinem Helm gegen einen Balken oder die niedrige Gesteinsdecke. In anderen Abschnitten laufen wir gebückt. Der Tunnel vom ersten zum dritten Stockwerk ist ein Loch mit einer Länge von 50 m, wir steigen dabei 600 m abwärts. Der Tunnel ist gerade breit genug, aber wir müssen uns auf Knien kriechend oder komplett waagerecht rutschend vorwärts bewegen. Dieser Tunnel ist der einzige Auf- und Abgang, hunderte Männer benutzen ihn tagtäglich, um zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen. Beim Rutschen wirbeln wir mehr Staub auf. Meine Wasserflasche ist nach kurzer Zeit leer, doch das Durstgefühl bleibt. In einigen Gängen richt es stark nach Mineralien; auf Anordnung des Guías ziehen wir unsere Tücher vors Gesicht. An dem Ende eines Ganges treffen wir auf zwei Minenarbeiter. Neben ihnen ein großer Berg Gestein, das einen minimalen Anteil Zinn und Zink enthält. Von diesem Berg schaufeln sie den ganzen Tag Gestein in eine halbgeschnittene Tonne, die mit einem Seil nach oben gezogen wird, in die erste Etage. Von dort aus werden die Steine in die umliegenden Kleinfabriken transportiert, wo man in aufwendigen Prozessen die Metalle vom Stein trennt. Seit dem 16. Jahrhundert holen Sklaven und Arbeiter aus dem Cerro Rico Silber, heute sind die Minenarbeiter vorallem auf der Suche nach Zinn und Zinkerz.
Die Arbeit ist hart, die Schaufeln sind schwer und die Hitze unerträglich. Die Arbeiter essen in den Minen nichts, 8 – 10 Stunden pro Tag. Ununterbrochenes Coca-Kauen hilft gegen Hunger, Durst, Müdigkeit und Schwäche. Während Uli und ich selbst einmal die Schaufel in die Hand nehmen und versuchen, die Tonne zu füllen, kommt ein Wagen mit neuer Ladung heran. Er ist mit 2 t Gestein gefüllt und wird von vier Männern bewegt, zwei ziehen vorne mit Stricken, zwei schieben ihn von hinten an. Hat er volle Fahrt, ist es schwierig, ihn wieder zu stoppen. Aber die Minenleute sind erfahren – schon als Kind hilft man in den Ferien mit, ab 16 fängt man an, voll mitzuarbeiten. Je nach Arbeitsbereich beträgt die Lebenserwartung 30 bis 50 Jahre. Früher oder später stirbt jeder Minenarbeiter an den Minerlien, die durch den Staub in die Lunge gelangen, das sind sich alle bewusst. Einen anderen Beruf ergreifen – undenkbar. Wer Sohn eines Minenarbeiters ist, wird selbst einer. 70 % der Einwohner Potosís arbeiten direkt in den Minen oder bei der Weiterverarbeitung. Frauen eingeschlossen.
Inzwischen gibt es keine staatlichen Minen mehr. Alles liegt in der Hand von Bergbaukooperativen und privaten “Mineros”. Einige von ihnen haben es geschafft, sie sind auf eine reiche Ader gestoßen und können nun unter besseren Bedingungen arbeiten. Ihre Wagen werden nicht mehr von Hand, sondern von kleinen Motoren angetrieben. Vor ihrem Mineneingang stehen Jeeps, mit denen sie nach getaner Arbeit nach Hause fahren können, während die armen Mineros nach 10 Stunden Minenarbeit noch eine Stunde zu Fuß nach Hause laufen. Aussteiger gibt es selten, auch wenn man schon das große Glück erlebt hat. In den Minen arbeitet man, bis man stirbt. Ausnahmen gibt es natürlich. Wir haben einen Minero gesehen, der 60 Jahre alt ist und immer noch arbeitet. Ein anderer Minenarbeiter hat zehn Jahre gearbeitet und führt uns und andere Touristen nun als Guía durch die Minen.
Unter den Mineros herrscht ein schwarzer Humor. Man scherzt, man beklagt sich nicht. Während der Arbeit wird wenig gesprochen und wenig gelacht. Wir trafen in den Gängen einige Minenarbeiter, die mit unserem Guía und uns Worte wechselten. Wir bekommen mit, dass in den Minen des Cerro Rico Arbeiter aus allen Departamenten arbeiten. Und das es auch mal eine Grußformel unter den Arbeitern gab wie das deutsche “Glück auf!”, sie aber nicht mehr gebraucht und daher vergessen wurde.
Später treffen wir auf den “tío”, den Onkel. Das Wort leitet sich aus dem Quechua ab, wo es kein “d” gibt. Daher hat sich das ursprüngliche Dios im Laufe der Jahrhunderte zu tío abgeändert. Der “tío” ist der Gott des Berges, er hat die Gestalt des Teufels, aber ohne Schwanz. Ihn opfern die Mineros am Anfang und Ende des Monats Lamaföten, Alkohol, Zigaretten und Coca. Es gibt mehrere dieser tíos im Cerro Rico. Von einigen steht nur der Kopf mit einem offenen Mund in einer Höhle, andere sitzen auf einem Fels, an den Füßen die typischen Gummistiefel der Mineros, wieder mit einem offenen Mund. In den Mund stecken die Arbeiter angebrannte Zigaretten und Coca.
Nach zwei Stunden kündigt uns der Guía an, dass wir uns dem Ausgang nähern. Nach einer Weile merken wir es auch – frische Luft dringt zu uns vor, es wird kühler, dann weht sogar ein kalter Wind und der Staub verschwindet. Schließlich macht der Gang eine Biegung und am anderen Ende sehen wir das Licht. Noch ein paar mal müsen wir den Kopf einziehen, dann stehen wir draußen. Es haben sich schon einige Minenarbeiter versammelt, die Feierabend machen. Sie kauen Coca und reden. Auf uns wartet noch eine Dynamit-Sprengvorführung. Auf dem “Mercado de Mineros” haben wir für umgerechnet 2,50 Euro eine Dynamitstange, einen Verstärker und die Zündschnur gekauft. Nun baut der Guía die richtige Mischung, und zündet an. Alle machen ein Foto mit dem Dynamit in der einen und der brennenden Zündschnur in der anderen Hand. Dann läuft der Guía los, hundert Meter, legt das Dynamit an den Straßenrand und läuft wieder zurück. Wir warten noch fast eine ganze Minute, bis es explodiert. Das Loch ist erstaunlich klein. Jeder Minero führt pro Tag etwa 20 solcher kleiner Sprengungen im Berg durch. Das Dynamit und seine sonstige Ausrüstung bezahlt er aus eigener Tasche. Daher gibt es viele Arbeiter, die in einem Monat kein Glück haben, nichts finden, und so kein Gewinn erziehlen können. Bezahlt wird pro Kilo abgeliferten Erzes.
Der Cerro Rico ist schon durchlöchert wie “ein schweizer Käse”. Stetig wird er von innen mehr und mehr ausgehöhlt, aus Symbolwert aber wollen ihn die Potosíer nicht Stück für Stück abtragen. Laut Forschungen wird der Berg noch ca 20 Jahre weiter bestehen, bis er zusammenfällt. So weit will man es natürlich nicht kommen lassen. Und hat schon einen neuen, einen kleineren Berg gefunden, der die 240 000 Einwohner Potosís ernähren soll, wenn der Cerro Rico ausgeschöpft ist.